Die Sendung MONITOR hat einen Beitrag zur angeblichen Situation an den Förderschulen gebracht, den wir Ihnen nicht vorenthalten möchten.
MONITOR Nr. 555 am 16. November 2006
Willkommen in der Sackgasse -Warum so viele Kinder von Zuwanderern auf der Sonderschule landen
Bericht: Gregor Popp, Isabel Schayani
Sonia Mikich: ''Sind Ausländerkinder dumm? Oder werden sie dumm gemacht? Klingt gemein, liebe Zuschauer, aber jetzt sehen Sie die Geschichte der Sonderschülerin Naomi. Kein Einzelfall, wie Isabel Schayani und Gregor Popp zeigen. Und das ist wirklich gemein!''
Sie schreibt zügig, fast ohne Fehler. Naomi ist 13 Jahre, aufgeweckt und na klar, mitten in der Pubertät. In die 8. Klasse einer Sonderschule für Lernbehinderte geht sie. Neuerdings wird die Schule eleganter mit ''Förderschule'' umschrieben. Naomi soll lernbehindert sein.
Reporterin: ''Und wie viel Sprachen kannst du? '' Naomi: ''Eigentlich drei. '' Reporterin: ''Und welche sind das? '' Naomi: ''Also Französisch, meine Muttersprache und Deutsch. Englisch
kann ich nur ein bisschen. '' Reporterin: ''Und hilft dir das in der Sonderschule? '' Naomi: ''Was? '' Reporterin: ''Dass du so viel Sprachen kannst! '' Naomi: ''Wen interessiert das da? Gar keinen! '' Französisch, Kongolesisch und Deutsch. Auf der Sonderschule soll sie
besonders gefördert werden. Doch ein psychologisches Gutachten vom Sommer rät etwas ganz anderes. Naomi gehört auf eine Hauptschule, nicht auf die Sonderschule.
Zitat (Quelle: Dr. F. Müller, Köln): ''Ein weiterer Verbleib auf der Sonderschule wird aus unserer Sicht das Wohl des Kindes weiter schädigen.''
Im Klartext: Sie soll von der Schule runter. Ihr Gutachter erstellt seit Jahren solche Expertisen und erlebt verdächtig oft das gleiche.
Dr. Frank Müller, Kinder-und Jugendpsychiater: ''Naomi ist in dieser Hinsicht kein Einzelfall. Wir haben oft ... das Problem bei Migrantenkindern, dass bei diesen Patienten die psychische Situation zu wenig berücksichtigt wird.''
Überproportional viele Kinder von Einwanderern gehen auf die Sonderschule für Lernbehinderte. Und es werden mehr. ''Lernbehindert'' ist ein schwammiger Begriff, mit dem man in Deutschland über 200.000 Schüler ''besonders fördert''. In kleinen Klassen, auf niedrigem Lernniveau. Naomi zeigt uns, was sie in diesem Schuljahr in Mathe durchgenommen hat:
Naomi: ''Achthundert geteilt durch zwei. Das mein' ich, das macht man in der dritten Klasse, aber nicht in der achten Klasse. Oder solche Aufgaben. Ich mein', das sind alles einfache Aufgaben. Für mich eigentlich ist das nicht geeignet, weil ich kann diese Aufgaben.''
Achthundert geteilt durch zwei. Vormittags ist Naomi öfter unterfordert. Nachmittags loggt sie sich dann in ihre Welt ein und chattet mit ihren Klassenkameraden. Fast keiner von ihnen ist deutsch. Ausländerkinder sind an der Sonderschule für Lernbehinderte deutlich überrepräsentiert. Ihr Anteil ist doppelt so hoch, wie der der Deutschen, gemessen an allen Schülern. Wie kann das sein? Sind ausländische Kinder einfach dümmer? Magna Becker kennt die Zahlen. Sie ist als Schulamtsdirektorin in Köln für alle Sonderschulen der Stadt zuständig.
Magna Becker, Schulamtsdirektorin, Stadt Köln: ''Ich kann nicht wirklich begründen, warum mehr Kinder mit Migrationshintergrund an der ''Förderschule Lernen'' sind als Kinder mit Deutsch als Erstsprache.''
Reporterin: ''Das ist ja bisschen wenig.''
Magna Becker, Schulamtsdirektorin, Stadt Köln: ''Ja. Das ist sicher richtig, aber wo soll ich diese Erklärung hernehmen? Aus den einzelnen Gutachten kann ich es nicht bestimmen.''
Es gibt durchaus Erklärungen, warum Kinder wie Naomi, und seit dem Sommer auch ihr kleiner Bruder, so schnell auf der Sonderschule landen. Die letzte Bundesregierung nennt einen, ganz unumwunden:
Zitat (Quelle: Ausländerbericht 2005): ''Mangelnde und fehlende Deutschkenntnisse werden häufig zu generellen Lernschwierigkeiten umdefiniert ...''
Aus gesund mach krank. Außerdem hat nicht jeder Lehrer Zeit, sich auch noch um die Probleme zu Hause zu kümmern. Und dann landen die Kinder ganz fix auf der Sonderschule. Nur, Naomis IQ ist eben durchschnittlich hoch und der Gutachter empfiehlt heute, dass sie auf die Regelschule gehört. Aber was macht die Schulbehörde? Sie lässt testen, ob Naomi nicht besser auf eine andere Form der Sonderschule wechseln sollte und zwar auf eine für Erziehungsschwierige, die so genannte ''E-Schule''.
Dr. Frank Müller, Kinder-und Jugendpsychiater: ''Das ist insofern verwunderlich, weil die E-Schule eine Schule für erziehungsschwierige Kinder ist, also mit Verhaltensstörungen, Sozialverhaltensstörungen, Dissozialität, das hier aus meiner Sicht nicht gegeben ist.''
Naomi: ''Die meisten Kinder, sage ich jetzt wirklich, die meisten Kinder aus der Schule, die sind nicht dumm. Es gab bestimmt schon mal in der Grundschule ein paar Schwierigkeiten, die die hatten, aber ... anstatt dass man den Kindern zum Beispiel Nachhilfe zu geben, damit die das mal ein bisschen lernen, bei denen direkt: Sonderschule! Ab in der Sonderschule, das ist das Beste für dich!''
In die Sackgasse gefördert. Wer einmal auf der Sonderschule ist, bleibt auch da. Nur 1,45 Prozent schaffen es, wieder auf eine Regelschule zu wechseln. Also fast niemand. Was kommt nach der Schule? Naomi erkundigt sich beim Arbeitsamt.
Naomi: ''Hallo, ich habe mal 'ne Frage. Wenn man einen Sonderschulabschluss hat, wohin muss man dann gehen?''
Angestellte beim Arbeitsamt: ''Ja, es ist so, dass wir Berufsberater haben, die für diesen Bereich zuständig sind. Das sind extra Berufsberater, die sich auf Rehabilitanten spezialisiert ...''
Kurze Übersetzung: Rehabilitanten sind behinderte Menschen, die anders behandelt werden sollen, damit sie eine Chance haben. Erst werden die Kinder selektiert, dann etikettiert und als junge Menschen wieder rehabilitiert. Das ist das Ergebnis der ''Förderung''. Gleiche Chancen für Einwandererkinder wie Naomi? Vielleicht in der Theorie.
Reporterin: ''Was fällt Ihnen denn zu dem hehren Begriff Chancengleichheit ein?''
Magna Becker, Schulamtsdirektorin, Stadt Köln: '' ... Tja ... Chancengleichheit für wen? Unter welchen Bedingungen? Sicherlich ist es so, dass ... Chancengleichheit für verschiedene Bevölkerungsgruppen nur schwer herzustellen ist.''
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